Vergebung ≠ Entschuldigung

Jeder hält Vergebung für eine schöne Tat – bis man selbst etwas zu vergeben hat. Vergebung ist ein Prozess, bei dem es nicht darum geht, etwas zu entschuldigen, sondern sich selbst zu befreien. Das hat messbare Auswirkungen auf die geistige und körperliche Gesundheit.


Ein älterer Mann erhielt einen Brief ohne Absender. Im Umschlag waren 700 Euro und der folgende handgeschriebene Text: „Lieber Robert, ich habe vor elf Jahren für einige Monate in Deinem Buchladen gearbeitet. Du hast mir diese Stelle angeboten, nachdem ich arbeitslos geworden war. Und Du warst immer fair und anständig zu mir. Aber ich habe es Dir schlecht gedankt – ich habe immer wieder Beträge aus der Kasse genommen. Ich glaube, Du hast es niemals bemerkt. Hier ist das Geld zurück, mit Zinsen. Es tut mir sehr, sehr leid, und ich bitte Dich um Verzeihung.“


Würdest du ihm verzeihen?

Ich auch.


Klar, es ist einfacher, jemandem zu vergeben, der sich entschuldigt und Wiedergutmachung geleistet hat. Aber wenn man sich darauf verlässt, dass das geschieht, warten wir mitunter ewig auf eine Entschuldigung von jemandem, der uns vielleicht einfach nicht mag oder glaubt, wir hätten verdient, was mit uns passiert ist, und keine Verantwortung für das Leiden anderer übernimmt.


Das Gestern-Gefängnis


Unser innerer Staatsanwalt verfasst oft in mühevoller Arbeit regelrechte Anklageschriften und wir malen uns bildhaft aus, wie wir den anderen verbal (und seien wir ehrlich: manchmal auch physisch) in die Ecke treiben. Es ist der Wunsch, doch noch Gerechtigkeit und Kompensation zu erlangen – oder wenigstens den Übeltäter zu demütigen.


Aber: Wen bestrafst du damit eigentlich? Wen blockiert die Wut – dich oder den anderen?

Wut heißt Gift zu trinken und darauf zu warten, dass der andere stirbt. (Aus dem Buddhismus)

Hass und Wut machen uns zu Gestern-Gefangenen. Die Schatten der Vergangenheit trüben den Blick für das was vor dir liegt.


Du wirst nicht loslassen, bevor du nicht vollkommen verstanden hast, dass Vergebung letztlich immer nur dir selbst hilft.

„Vergebung ist im Grunde ein Geschenk an dich selbst, nicht an die Personen, die dir Verletzungen zugefügt haben“ – Steven Hayes

Gerechtigkeit


Aber würde Vergebung dann nicht bedeuten, dass man den anderen vom Haken lässt? Das wäre doch ungerecht und geradezu unerträglich.


Nein.


Vergebung entschuldigt nicht die Tat, sondern es ist markiert eine neue Haltung einer Person, dir selbst oder der Begebenheit gegenüber.


“Wir müssen jenen vergeben, von denen wir glauben, dass sie uns Unrecht angetan haben. Nicht, weil sie es verdienen, sondern weil wir so viel Liebe für uns selbst empfinden, dass wir nicht weiterhin für diese Ungerechtigkeiten bezahlen wollen.” – Miguel Ruiz

Vergebung entschlackt deinen Geist und ermöglicht es dir, wieder bewusste Entscheidungen zu treffen und bessere Pläne zu machen. Es gibt dir Kontrolle zurück und ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern zeugt von Verantwortung und Stärke.


Die neue Wissenschaft der Vergebung


Das ist kein ein nettes, esoterisches Konzept. Es gibt laufende Forschungen, die zeigen, dass Vergebung sowohl die geistige, als auch die körperliche Gesundheit fördert. Wer vergibt, kann Ärger, Depressionen, Stress und sogar Blutdruck reduzieren.


In ihrer Metaanalyse von 2018 haben Forscher 128 Studien mit mehr als 58 000 Probanden ausgewertet [1]. Die positive Wirkung der Vergebung zeigte sich beim Blick auf Stresshormone und besonders die Gesundheit des Herzens. Die positiven Effekte waren unabhängig von Alter, Geschlecht, Beruf und Ausbildung.

„Je mehr der Mensch verzeiht, desto gesünder ist er generell“, so das Fazit der Übersicht.

Auf Dauer gekränkt zu sein hingegen schwächt das Immunsystem und kann körperlich und seelisch krank machen. Fred Luskin ist Direktor des Forgiveness-Projektes an der Stanford Universität. Er sagt: „Wenn das Leiden nicht gelöst wird, belastet es das Nerven-, Herz-Kreislauf- und Hormonsystem." [2]


Projekt HOPE


Im HOPE-Projekt, einem Versöhnungsprojekt mit Betroffenen des Nordirland-Konflikts, hat Dr. Luskin mit Frauen gearbeitet, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Er hat mit ihnen ein Vergebungstraining durchgeführt (siehe 5 Schritte unten).


Zu den rekrutierten Gruppen gehörten Frauen, deren Söhne auf tragische Weise starben und die oft lediglich aufgrund ihrer religiösen oder politischen Überzeugung erschossen wurden.


Verständlicherweise litten diese Frauen – auch Jahre nach dem Tod ihres Sohnes – unter extremen Schmerzen und Wut und hatten das Gefühl, dass Heilung unerreichbar ist.

Das angebotene Vergebungstraining hatte außerordentliche, lebensverändernde Ergebnisse:

  • Bei der Ankunft hatten die Frauen auf einer Skala durchschnittlich einen Schmerzgrad von 8,5 (10 ist der schlimmstmögliche Schmerz).

  • Als sie nach der Vergebungsarbeit wieder gingen, war ihr selbst eingeschätzter Schmerz auf 3,5 gesunken.

  • Langfristig berichteten die Frauen über weniger Depressionsgefühle und erhöhten Optimismus.

Wichtig: Natürlich trauerten diese Frauen immer noch um ihre Lieben und die Verbrechen wurden keineswegs entschuldigt. Aber sie verließen das Programm mit einem neuen Anteil an Vergebung und einer besseren Fähigkeit, mit dem Schmerz umzugehen.


Gesunde Lebenseinstellung


Vergebung ist eine Lebenseinstellung. Vergebung ist ein Zustand, in dem die negativen Gefühle auftauchen und wir sie akzeptieren, verarbeiten und mit der Zeit loslassen können. Dieser Prozess kann auf alles abzielen und ist oft sowohl persönlich als auch kollektiv.“, sagt Fred Luskin.


Das sei sehr individuell: „Einige Leute vergeben sich sehr gerne und vergeben anderen nie. Einige sind großartig darin, anderen zu vergeben und sehr hart gegen sich selbst.

Die Gesündesten unter uns können den Schmerz legitim fühlen und manchmal auch Ärger haben. Dann drücken sie die Emotionen angemessen aus, erlauben sich, den Schmerz zu fühlen, und gehen dann wieder zum Rest ihres Lebens über.


Vergebung erscheint uns sinnvoll und nervig zugleich


Eine "ordentliche" Bestrafung befriedigt kurzzeitig unsere niederen Anteile – auch wenn unsere höheren, langfristig ausgerichteten Anteile dies missbilligen.



In einer Studie von 2019 haben 85 Versuchsteilnehmer kleine Geschichten gelesen, in denen es einen Bösewicht gab. Für das Ende der Geschichten gab es drei Varianten: Eine extrem harte Rache, eine mittlere Reaktion und vollständiges Verzeihen.

Die Probanden fanden es am vergnüglichsten, wenn die Übeltäter die härteste Rache zu spüren bekamen. Zugleich fanden sie diese Reaktion aber am wenigsten sinnvoll. Die Variante, in der dem Täter verziehen wurde, gefiel den Teilnehmern beim Lesen am wenigsten – sie wurde aber als sinnvoll angesehen und höherwertig eingeschätzt [3].


Wut und Anschuldigungen sorgen für kurzfristige Erleichterung


Das Leid, das wir kennen, erscheint uns oft erträglicher (also "angenehmer") als das Leid, das in der Zukunft vielleicht auf uns warten könnte. Wut und Trauer sind uns altbekannt.


Zudem kann man ohne Vergebung weiterhin im Opferdasein bleiben, um sich nicht ändern zu müssen und vielleicht weiterhin die Aufmerksamkeit zu erhalten ("Oh je, du Arme"). All das sind Dinge, die uns kurzfristig Komfort geben. Eine Opferhaltung hat psychologisch mehr Vorteile, als das unschöne Wort vermuten lässt.


Aber auf lange Sicht bringt uns das genau: nirgendwo hin. Es hält uns fest.


Aus der Vergangenheit befreien wir uns, indem wir all das Gefühls-Gepäck abwerfen, das uns passiv und träge macht. Innen und außen.


Um langfristig zu wachsen, um dein Grundlevel – deine Baseline – zu heben, musst du Ballast loslassen – wie ein Ballon, der einen Sandsack nach dem anderen abbindet, bevor er fliegen kann. Denn all die heiße Luft bringt nichts, so lange die Lasten noch angeheftet sind.


Du musst liebgewonnene Gedanken und Glaubenssätze über Bord werfen. Zum Beispiel, dass du glücklicher wärst, wenn die Vergangenheit rosiger gewesen wäre. „Weil mich dieser eine Mensch so hintergangen hat, kann ich niemandem mehr trauen.“

Klingt einfach und plausibel, aber das sind Denkfehler. Die Vergangenheit zwingt dich zu gar nichts.


Kostenloser Download: Denkfehler kennen und austricksen


Etwas muss sterben


Ganz oft im Leben müssen wir kurzfristig etwas aufgeben oder ablehnen um langfristig (also in der Summe) etwas zu gewinnen – um netto mehr zu haben. Es ist die Entscheidung zwischen einer einfachen, schnellen Erleichterung oder einer späteren, größeren Belohnung. Das ist der Kern im Blog von Boost Your Baseline.


Genau das trifft auch auf Vergebung zu: So oft wollen wir einfache und schnelle Antworten auf komplexe Kämpfe. Wir bezweifeln unsere eigene Tapferkeit und ziehen uns angesichts der Angst zu früh zurück.


Damit Vergebung eintritt, muss etwas sterben, schreibt Brene Brown in „Laufen lernt man nur durch Hinfallen“ [4]. Oft sind es Erwartungen oder Wünsche. Oft ist es Anerkennung oder Rechthaben. Irgendetwas muss zurückbleiben.


So lange wir Groll hegen, sind wir gefangen und haben unsere Macht abgegeben. Wir fühlen uns klein und oftmals ohnmächtig. Im Akt der Vergebung liegt der Schlüssel zu wahrer Freiheit.

„Vergebung ist nur ein anderer Name für Freiheit.“ – Byron Katie

Eine Anleitung in 5 Schritten


Aufgrund der genannten Vorteile üben viele Therapeuten mit ihren Klienten gezielt das Verzeihen. Sie arbeiten dabei mit speziell dafür entwickelten Therapiemodellen.


Vergebung ist ein Prozess. Und obwohl Dauer und Anstrengung erheblich variieren, kann Vergebung auf alle Schmerzstufen angewendet werden – von Unfreundlichkeit bis Untreue, von Missachtung bis Mord.


Über die letzten Jahrzehnte haben sich in der angewandten Forschung einige Schlüsselmodelle für die Vergebungsarbeit entwickelt. Die folgenden 5 Schritte sind eine Kombination aus dem 4 Phasen Modell von Robert Enright und den 9 Schritten von Fred Luskin, Stanford.


Schritt #1 – Bewusstes Fühlen

  • Im ersten Schritt akzeptierst du deine verletzten Gefühle. Du akzeptierst, dass das was passiert ist, nicht mehr zu ändern ist

  • Lass die Gefühle zu, ohne sie zu bewerten und dich zu ärgern, dass du sie fühlst. Sie sind ja schon da.

  • Was fühlst du? Schämst du dich? Bist du wütend? Fühlst du dich selbst schuldig? Trauer oder sogar Hass? Alles ist erlaubt, lass es einfach mal einen Moment voll da sein. Wenn du es unterdrückst wird dadurch nichts besser.

  • Übe bei Ärger und Wut eine Form der Stressbewältigung (z.B. Atmung), um die Kampf- oder Fluchtreaktion deines Körpers zu beruhigen.

  • Es kann auch helfen, einer Person von deinen Gefühlen zu erzählen. Ohne Beschuldigungen und Rachefantasien. Einfach nur wie es dir jetzt geht. Das kann sehr erleichtern.


Schritt #2 – Entscheidung

  • Du erkennst nun, dass Vergebung eine mögliche Antwort auf deine Gefühle sein kann. Und dass du es in der Hand hast – du bist nicht gezwungen, genau so weiterzumachen, genau so zu fühlen wie bisher.

  • Mach dir bewusst, dass es für dich von Vorteil ist, zu vergeben. Vergebung ist für dich und sonst niemanden.

  • Du beschließt, dass du auf Rache oder Rückzug verzichten wirst. Es gibt keine umfassendere Vergeltung als die Vergebung. Ein gut gelebtes Leben ist die beste Rache.

  • Du fasst den festen Entschluss zu vergeben.


Schritt #3 – Perspektive ändern

  • Deine Perspektive ist nie objektiv wahr. Es war deine eigene Entscheidung, die Dinge so zu bewerten, wie du es bisher getan hast. Und das war völlig ok. Aber du hast nun die Freiheit, es anders zu sehen. Wähle neu.

  • Du erkennst, dass der Grund für dein Unwohlsein deine Gedanken und Empfindungen sind – und nicht das Ereignis, das dich vor 5 Minuten oder 5 Jahren verletzt hat.

  • Verletzungen sind universal. Du wurdest verletzt und bist traurig oder wütend? Herzlichen Glückwunsch, du bist ein Mensch! Schmerz ist unvermeidbar. Aber Leiden ist optional.

  • Wenn man bestimmte Geschehnisse in der Vergangenheit bewältigen will, muss man lernen, anders und weniger darüber zu denken.

  • Es ist die Neubewertung deiner Story, die dich befreit.


Schritt #4 – Verständnis entwickeln

  • Im Prozess der Vergebung musst du dich nicht mit jemandem versöhnen (obwohl das oft ein positiver Nebeneffekt ist). Du musst die Tat auch nicht entschuldigen. An einer Vergewaltigung oder einem Betrug ist nichts zu entschuldigen.

  • Du versuchst nun lediglich mehr Verständnis für die Person zu entwickeln, die der Grund der Verletzung war. Das kannst natürlich auch du selbst sein...

  • Menschen handeln immer so, wie sie es im Moment für richtig halten (aufgrund ihrer Erziehung, Konditionierung, Gefühlslage, Störung etc.). Versuche das weniger auf dich als Person zu beziehen.

  • Hätte die Person es besser gewusst – d.h. wäre die Person nicht so unbewusst gewesen – dann hätte sie auch anders gehandelt. Aber das Bewusstsein war nicht hoch genug. Und dafür gab es Gründe.

  • Um es biblisch zu sagen: Vergib ihnen, denn sie wussten nicht was sie tun.


Schritt #5 – Weitergehen

  • Du kannst mit der Zeit einen Sinn in dem sehen, was passiert ist. Vielleicht hast du etwas gelernt, bist empathischer oder realistischer geworden? Das Fremdgehen eines Partners kann z.B. eine Entwicklung in Gange bringen, die schon lange überfällig war.

  • Die Teilnahme an diesem Prozess kann zu Klarheit, Weisheit und Selbstliebe führen.

  • Es ist der Glaube, dass man auf der anderen Seite als besserer Mensch herauskommen kann. Ein besserer Mensch als einer, der von Wut und Hass verzehrt wird. Du verlässt den Zustand des Opfers.

  • Dein Blick auf die Vergangenheit ist nun ein anderer. Wenn du an die Verletzung denkst, dann kannst du daran denken, dass du die Stärke und Größe gezeigt hast, einen Vergebungsprozess zu starten!

  • Du kümmerst dich weniger um das „was anders hätte sein sollen“. Dein Blick geht vom Rückspiegel zurück zur Straße vor dir.

Bleib realistisch: Je größer das Unrecht in deinen Augen war, desto länger wird sich der Prozess ziehen. Es kann sein, dass du eine Begebenheit mehrmals, vielleicht auch 20 oder 30 oder 100 Mal vergeben musst, immer wenn es in deinem Geist auftaucht. Jedes Mal wird ein Stück Ballast abgelegt.


Fazit


Vergebung bedeutet also nicht zu sagen, dass falsches Benehmen in Ordnung war. „Vergebung sagt, dass eine Handlung Schaden angerichtet hat - sie erkennt die Verwundung an, realisiert dann aber auch die Notwendigkeit, weiterzumachen und die Negativität und Belastung loszulassen.“, sagt Fred Luskin.


Er schlägt vor: „Vergebung ist viel einfacher, wenn Menschen Dankbarkeit für den erstaunlichen Segen des Lebens und all die Fülle und das Mitgefühl üben, um zu erkennen, dass wir in unserem Leiden niemals allein sind.“

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