Glück ohne Sinn ist wie ein Pfeil ohne Bogen

Ein sinnvolles Leben wird dich langfristig gesünder und zufriedener machen – und zwar auf eine tiefere Weise als Freude und Genuss das je könnten. Mit Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit erhöhst du deine individuelle Baseline der Lebenszufriedenheit.

„Ach, Glück! Wenn wir glücklich sind, bleiben wir es ja doch nicht. Und umgekehrt: Wenn uns etwas ins Unglück stürzt, dann müssen wir nicht auf Dauer unglücklich bleiben. Oft ändert sich die Situation von selbst", sagt der Philosoph Wilhelm Schmid.

"Sie ändert sich aber auch, indem ich aus meinem Unglück etwas mache, was mir sinnvoll erscheint. Glück ist nicht so wichtig im Leben. Sinn ist wichtig!“ [1]


Auch wenn ich Glück nicht als unwichtig bezeichnen würde – im Leben geht es einfach um mehr, als sich glücklich zu fühlen.


Die Dinge zu haben, die man möchte (oder das Geld, um sie zu kaufen), ist ein Booster für das Glück, aber überraschend unwichtig dafür, ob man sein Leben als sinnvoll ansieht – vor allem in schwierigen Zeiten.


Mit Sinn ist die Bedeutung, Bestimmung und Erfüllung im Leben gemeint. Es ist eine tiefere, mehr innerliche Dimension des Glücksempfindens.


Wer sein Leben als sinnhaft sieht, der spürt:

  • Es ist nicht egal, was ich tue

  • Was ich tue ist stimmig und entspricht dem, was für mich langfristig zählt

  • Ich weiß wohin mein Leben gehen soll – und was ich nicht möchte

  • Ich habe einen Platz in der Welt und bin Teil einer Gemeinschaft

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Unterschiede zwischen Sinn und Glück


Meistens sind Sinn und Glück natürlich stark verknüpft. Es macht glücklich einer erfüllenden Tätigkeit nachzugehen und anderen zu helfen.


Aber in vielen Aspekten zeigen sich auch Unterschiede. Tendenziell ist gerade in den reichen Ländern des Westens das „Streben nach Glück“ (und Wohlstand) überrepräsentiert. Die Gesellschaft fragt sich zu selten (oder zu spät), ob all die Glückssuche auf lange Sicht auch einen tieferen Sinn ergibt.


Ohne Sinnhaftigkeit wird es oberflächlich und kurzlebig. Glück ohne Sinn ist wie ein Pfeil ohne Bogen. Der Pfeil ist cool und sexy. Er symbolisiert Potential. Aber weit kommst du damit nicht. Für anhaltende Zufriedenheit brauchst du etwas, das dir Richtung und Reichweite gibt.

Glück ist Hier und Jetzt. Sinn ist Ziel und Zeit.

"Glück ohne Bedeutung kennzeichnet ein relativ flaches oder sogar selbstsüchtiges Leben, in dem die Dinge gut laufen, Bedürfnisse und Wünsche leicht befriedigt werden und schwierige oder anstrengende Verwicklungen vermieden werden." Das schreibt der Autor einer inzwischen berühmten Studie, in der Roy Baumeister Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Glück und Sinn untersuchte [2]. Was er herausfand hat die Glücksforschung verändert. Die Ergebnisse der Studie vereinfacht hier im Bild:

Seither gab es vermehrt Studien, die untersuchten, welche Wirkungen speziell der Sinn im Leben zeitigt.


5 erstaunliche Fakten über Sinnhaftigkeit


#1 Sinn senkt die Anfälligkeit für Krankheiten, Depressionen und Schmerz


Du kannst glücklich sein, ohne das Gefühl von Bedeutung zu haben. Zumindest für eine Weile. Aber auf lange Sicht ist das wie leere Kalorien. Kurzfristige Energie ohne Nährstoffe. Auf Dauer ungesund.


Tatsächlich hat eine Studie gezeigt, dass sich ein sinnerfülltes Leben positiv auf die Immunabwehr auswirkt (weniger Entzündungen und stärkere Immunantwort gegen Viren).

Obwohl sich auch Freude und Genuss für die Probanden gut anfühlten, wirkte sich ein sinnerfülltes Leben positiver auf die untersuchten Gesundheitsmerkmale aus. Ein auf Genuss fokussiertes Leben hatte keinerlei Einfluss auf die untersuchten biologischen Reaktionen [3]. Es schützt also die Gesundheit, wenn man in schweren Zeiten trotz allem einen tieferen Sinn sieht.


Frei durch Sinn statt sinnfrei: Die Psychologin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck zieht in ihrem Buch Psychologie des Lebenssinns [4] aus verschiedenen Studien das Fazit, dass sinnerfüllte Menschen hoffungsvoller und optimistischer sind und weniger zu emotionaler Überempfindlichkeit und Depressionen neigen. Untersuchungen zeigten zudem, dass Menschen weniger Schmerzen haben, wenn sie glauben, für etwas von großem Wert zu leiden.


#2 Menschen in reichen Ländern leben glücklicher aber sinnloser


In reichen Ländern gibt es mehr Wohlstand, Genuss und Glück. Im Vergleich zu (wirtschaftlich) ärmeren Ländern aber auch mehr Depressionen, Drogentote und Suizide. Was ist der Grund für diesen scheinbaren Widerspruch?


Ein Viertel der Amerikaner kann nicht sagen, was ihrem Leben einen Sinn verleiht.

Ausgerechnet in den reichsten Regionen der Welt, in den „lebenswertesten“ Städten mit dem höchsten Wohlstand, steigen seit Jahren die Suizid- und Depressionsraten. In den USA wütet eine unfassbare Opioid-Epidemie (an der um ein Vielfaches mehr Menschen sterben, als an Covid-19). Menschen aus ärmeren Regionen hingegen empfinden sich oft als weniger glücklich – ihr Leben aber um ein vielfaches sinnvoller und die Selbstmordraten sind deutlich niedriger [5].



#3 Kinder geben dem Leben Sinn (aber kaum Glück)


Die Ergebnisse der Glücksforschung sind ernüchternd: Kinder machen nicht glücklich. Nicht im engeren Sinne. In Kombination mit Geldsorgen wird’s dann richtig eng.


Glücksmomente – ja! Das schlafende Kind im Arm halten, die ersten Schritte, süße Worte mit großen Augen. Aber wer Kinder haben will, um glücklich zu sein, sollte mit der Absicht erst nochmal schwanger gehen. Der Junge mit Durchfall, die pubertierende Rebellin – nicht gerade Momente überschwänglicher Freude.

(Die beste Strategie für Glück sind daher Enkelkinder 😉)


Dennoch sind die meisten Menschen sehr gerne Eltern, denn Kinder geben dem Leben dauerhaft mehr Sinn und Erfüllung.


#4 Sinn ist konstruktives Zukunftsdenken


Beim Blick auf die Zeit zeigen sich interessante Zusammenhänge: Je mehr Menschen über die Gegenwart nachdenken, desto glücklicher sind sie. Gedanken an Vergangenheit und Zukunft machen eher unglücklich (Vergangenheit mehr als Zukunft).


Ganz anders bei Sinn, wie Studienergebnisse zeigen [2]:

  • Gegenwartsbezogenes Denken ist nahezu irrelevant für Sinn.

  • Sinnhaftigkeit erleben Menschen vor allem bei Gedanken an die Zukunft.

  • Glück wird von Personen eher als flüchtig bewertet, Sinn als stabiler über die Zeit.

  • Gedanken an die Zukunft empfindet man als sinnreicher, als die an die Vergangenheit.

Die Mischung macht's. Kombinationen von Gegenwart und Zukunft werden als bedeutungsvoll und wohltuend beschrieben. Das passiert zum Beispiel wenn wir Pläne schmieden. Wir kreieren Brücken zwischen jetzt und später. Planen ist ein pragmatischer Vorgang und beinhaltet die konkreten Schritte um die zukünftigen Ziele dann auch zu erreichen.


#5 Sinnvoller Stress ist gesund


"Ich muss Ihnen etwas beichten", sagt Kelly McGonigol bei ihrem Ted Talk. "Ich habe Menschen 10 Jahre lang erzählt, dass Stress schädlich ist. Ich habe Stress zum Gegner gemacht. Aber ich habe meine Meinung geändert."


Die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen führten sie dazu, ihre Sichtweise zu ändern. Denn die Studien ergaben: Stress wirkt nur dann gesundheitsschädlich, wenn du auch der Meinung bist, dass er deiner Gesundheit schadet. Wenn du die Überzeugung hast, dass du dich für etwas Sinnvolles und Bedeutsames engagierst, siehst du den Stress nicht mehr als negativ – und der Stress verliert die schädliche Wirkung. Mehr noch, Teilnehmer mit als richtig und sinnvoll empfundenem Stress hatten in den Studien die höchste Lebenserwartung von allen Teilnehmern. Sie waren insgesamt gesünder als die Menschen, die angaben, kaum Stress im Alltag zu haben.


Auch Roy Baumeister fand heraus: Ein sinnerfülltes Leben beinhaltet mehr Sorgen und Stress. Stress und Zweifel haben mit der Zukunft zu tun, denn etwas Schwieriges könnte auf dich zukommen. In schwierige Vorhaben verwickelt zu sein erhöht sowohl Sinn als auch Stress. Sinnvoller Stress...


Aber bitte jetzt nicht Stress und Streit suchen um den Sinn im Leben zu erhöhen. Die Verbindung ist indirekt: Du kannst den Sinn steigern, indem du dich mehr in Kultur und Gesellschaft involvierst, indem du dich für etwas Größeres und für Menschen in Schwierigkeiten einsetzt.


Ein angenehmes Leben ist nicht alles. Es muss auch eine Bedeutung haben.


Soziales Engagement, schwierige und komplexe Vorhaben bringen oft unweigerlich Stress und Kampf mit sich, oft auch Niederlagen und Enttäuschungen, was einen zwar kurzfristig unglücklich macht – aber das Leben auf lange Sicht sinnhafter und bedeutsamer.

"Sinn zu verfolgen ist besser für Ihre Gesundheit als der Versuch, Unbehagen zu vermeiden." – Kelly McGonigal

Bei Entscheidungen rät McGonial:"Gehen Sie dem nach, was Sinn in Ihrem Leben schafft, und vertrauen Sie darauf, dass Sie mit dem darauf folgenden Stress umgehen können."


Wie kriegt mein Leben mehr Sinn und Erfüllung?


Die Erkenntnisse der Forschung sind überwältigend: Ein sinnvolles Leben wird uns langfristig gesünder und zufriedener machen, und zwar auf eine tiefere Weise als Freude und Genuss das je könnten. Aber wie geht das?

Der Sinn des Lebens ist es dem Leben einen Sinn zu geben.

Dem Leben einen Sinn geben. Ist das nicht das älteste Ziel und schwierigste Ziel der Menschen?


Auch die Autorin Emily Esfahani Smith ging der Frage nach dem Lebenssinn nach. In ihren Recherchen von der Antike bis heute fand sie heraus, dass sich in all den Beschreibungen und Studien über Sinn gewisse Leitmotive finden lassen. Sie bezeichnet diese in ihrem Buch „Glück allein macht keinen Sinn“ [6] als die vier Säulen eines erfüllten Lebens. Wichtig: Es geht hier keineswegs darum, in allen vier Aspekten zu brillieren. Aber die Tiefe und Zufriedenheit in deinem Leben wird größer sein, wenn du den ein oder anderen der 4 Faktoren in dein Leben integrieren oder weiter pflegen kannst.


1. Zugehörigkeit und Verbundenheit


„Bedeutung entsteht aus unseren Beziehungen zu anderen.“ Wie sehr das zutrifft, wiesen Jean Twenge und Roy Baumeister vor einigen Jahren nach. Studienteilnehmer, die in einem Experiment nicht in eine Gruppe aufgenommen wurden, sich also ausgeschlossen fühlten, empfanden das Leben anschließend sinnloser als diejenigen, die akzeptiert worden waren [7].


2. Lebenszweck und die eigene Bestimmung


Bestimmung heißt, dass wir eine Aufgabe haben, die uns ermöglicht, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Ein Aufgabe, an der wir unsere Handlungen und Ziele langfristig ausrichten können.

Das Gefühl, anderen zu helfen, scheint uns Menschen zutiefst zu befriedigen. Allen individualistischen Tendenzen zum Trotz.

„Der Sinn des Lebens ist es, deine Gabe zu finden. Der Zweck des Lebens ist es, sie zu verschenken.“ – Pablo Picasso

3. Transzendenz und etwas Größeres


Das Wort Transzendenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „übersteigen“.

Im Alltag kreisen deine Gedanken um das, was dich unmittelbar umgibt. Kurzfristige Entscheidungen und Belohnungen. Und dann gibt es Momente, in denen sich deine Gedanken auf etwas Größeres ausrichten. Die Perspektive weitet sich. Du siehst das Leben von der Vogelperspektive, du siehst was wirklich wichtig ist. Es ergibt plötzlich alles irgendwie Sinn und die Dinge sind irgendwie alle miteinander verbunden.


Für viele ist das Größere Gott, so wie sie ihn verstehen. Für andere ist es die Verbindung mit allen Lebewesen, der Natur oder dem Universum. Diese Augenblicke können sich beim Sonnenaufgang, einem bombastischen Musikstück, beim Meditieren oder im Kreißsaal ereignen. In jedem Fall sorgen sie dafür, dass wir unser Ego hinter uns lassen und eine Verbindung zu etwas Erhabenem, Bedeutendem verspüren.


4. Geschichten erzählen: Sich und die Welt verstehen


Hier geht es um die Geschichte, die du dir über dich erzählst. Wir realisieren nicht immer, dass wir selbst die Autoren der Geschichte sind und dass wir den Ton und die Moral der Geschichte selbst schreiben.


Menschen mit einem hohen Gefühl an Sinnhaftigkeit sind solche, denen es gelingt, in ihren Geschichten ihr persönliches Wachstum zu betonen und leidvolle Erfahrungen als „transformativ“ darzustellen, also als Geschehnisse, die Wachstum und Lernen ermöglicht haben und.


Am 9. Oktober 2011 stieß Eddy Garcia im Hinterland von Montana auf die Überreste eines Bären. Er berührte den toten Bären und erhielt einen schweren Stromschlag von einer 2400-Volt-Stromleitung, die unter dem Kadaver versteckt war. Acht Tage später traf er die schwierige Entscheidung, seinen linken Arm am Handgelenk zu amputieren.


Eduardo Garcia investierte während seiner Genesung stark in die Beziehungen zu seiner Familie und seinen Freunden. Er hatte den Mut, eine Therapie zu machen, um sich mit dem emotionalen Gepäck seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er schloss sich Gruppen von Amputierten an. Er hat trotz allem nie seinen Optimismus und Sinn für Humor verloren. Und er fand Sinn, indem er seine Geschichte mit Jugendlichen teilte.