Glück im Unglück

Was sind die 4 "G" des Glücks? Macht Corona unglücklich? Macht nachhaltiger Konsum glücklich? Wie stabil ist die Lebenszufriedenheit – und was ändert sie langfristig?

Die Highlights aus dem Deutschen Glücksatlas.

Glück im Unglück

Für den Herausgeber des Glücksatlas, Prof. Bernd Raffelhüschen, besteht die Formel zum Glück aus den Faktoren Gesundheit, Gemeinschaft, Geld und Genetik.


G1: Gesundheit

  • Gesundheit ist der Glücksfaktor schlechthin. Es ist das Fundament der Zufriedenheit.

  • Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

  • Bei schlechter Gesundheit ist die die Zufriedenheit signifikant niedriger als bei gesunden Menschen.

G2: Gemeinschaft

  • Glücklich ist, wer stabile Beziehungen und Freunde hat. Das schafft Vertrauen und Geborgenheit.

  • In Asien nennt man es auch das "Zusammenglück".

  • Menschen ohne Partner sind statistisch unglücklicher als Personen in einer Partnerschaft.

G3: Geld

  • Ein höheres Einkommen verschafft mehr Zufriedenheit.

  • Die Wirkung ist schwächer als die von Gesundheit und Geselligkeit, aber trotzdem deutlich spürbar.

  • Doch je höher das Einkommen, desto geringer wird die glückssteigernde Wirkung. Ab einer gewissen Höhe des Einkommens lässt der Effekt nach.

G4: Genetik und Perspektive

  • Einen wichtigen Anteil hat auch die individuelle Veranlagung.

  • Sie gibt einen gewissen Bereich des subjektiven Wohlbefindens vor, zu dem wir tendenziell nach Hochs und Tiefs zurückkehren (auch „Set Point“ genannt).

  • Es ist die Frage, ob ich der Typ bin, der das Glas halb voll oder halb leer sieht.

  • Diese Einstellung gegenüber dem Leben ist veränderbar. Die Genetik mischt zwar die Karten – aber es liegt an uns, wie wir damit spielen.


Wie hängen die Faktoren zusammen?


Natürlich kann man sich für Geld zum Teil bessere Gesundheit und Gesellschaft ermöglichen. Doch für Bernd Raffelhüschen ist klar: Gesundheit und Gemeinschaft sind wichtiger als Geld und beruflicher Erfolg. Und den größten Einfluss haben wir selbst in unserer Haltung und Einstellung (Aspekt von G4).


Werden die Aspekte addiert? Raffelhüschen sagt, es sei eine Multiplikation:

Gesundheit × Gemeinschaft × Geld × Genetik/Einstellung = Lebensglück

Das heißt: Wenn nur eine der Säulen auf (nahezu) 0 ist, dann ist auch das Lebensglück auf 0 – egal wie gut man in den anderen Bereichen aufgestellt ist.


Man kann Totalausfälle nicht einfach kompensieren.

Null mal Viel ist immer noch null.



Highlights aus dem Deutschen Glücksatlas 2020 [1]


Glück im Unglück – Corona


Das durchschnittliche Glücksniveau der Deutschen lag im Jahr 2020 auf einer Skala von 1 bis 10 bei 6,74 Punkten.


Das sind zwar sechs Prozent weniger im Vergleich zum Allzeithoch aus dem Jahr 2019.

Trotz Chaos, Krisen und Corona bleiben die Deutschen 2020 trotzdem relativ glücklich.

„Die Werte hätten durch die Corona-Krise auch ins Bodenlose abrutschen können.“

Das sagt Bernd Raffelhüschen, der Leiter des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg [2].


Der Unterschied zwischen Ost und West verschwindet


Nach der Wende war der Osten im Vergleich noch sehr unglücklich. 1991 betrug der Unterschied zu Westdeutschland 1,3 Punkte. Klingt nach wenig, ist in der Statistik (Skala 1 bis 10) aber sehr viel.


In den letzten knapp 30 Jahren sind diese Unterschiede nahezu verschwunden. Ein Faktor für die Angleichung scheint auch die Pandemie zu sein.


Der Abstand beim Glücksempfinden zwischen Ost und West hat sich 2020 erstmals nahezu aufgelöst. Statt 0,17 Punkte im Jahr 2019 beträgt der Unterschied nur noch 0,05 Punkte.

„Wir sind eigentlich wiedervereinigt, wenn auch auf etwas bescheidenerem Niveau.“ [2]

Regionale Lebenszufriedenheit


Die glücklichsten Deutschen lebten auch 2020 wieder im Norden: In Schleswig-Holstein und Hamburg mit jeweils 6,92 Punkten (liegt nicht am Einkommen). Das nördliche Nachbarland Dänemark rangiert im europaweiten Vergleich meist als das glücklichste Land.


Auf dem fünften Platz liegt meine Heimat Bayern mit 6,81 Punkten. Thüringen ist auf dem letzten Platz mit immerhin noch 6,50 Punkten:


Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit werden wichtiger


Nachhaltigkeit steigert die Zufriedenheit, so die Ergebnisse aus dem Glücksatlas 2020. Nachhaltiger Konsum wird zunehmend wichtiger.

„Vereinfacht gesagt: Ökologisch bewusster Konsum macht glücklich.“ [2]

Die subjektive Lebenszufriedenheit steigt mit einem bewussten Konsumverhalten.

  • „Konsequent Nachhaltige“ sind zu 48 Prozent sehr zufrieden

  • Bei den „moderat Nachhaltigen“ sind es 41 Prozent

  • Bei den „Sorglosen“ lediglich 29 Prozent.


Langfristiges Glückslevel


Machen Kinder langfristig glücklich?

Welchen Einfluss haben Heirat oder Scheidung?

Beruf und Arbeitslosigkeit?


Im Glücksatlas 2020 wurde "Die langfristige Zufriedenheit mit dem Leben“ ein eigenes Schwerpunktthema.


Welche Veränderungen sind in der Lage unser charakteristisches Glückslevel (hier im Blog „Baseline“ genannt) nicht nur temporär, sondern langfristig zu ändern.


Anhaltende Veränderungen sind in der Glücksforschung erst seit kurzem ein wichtiges Forschungsfeld. Denn erst seit einiger Zeit ist es basierend auf Langzeitstudien und ausreichender Datenqualität möglich, verlässliche Aussagen darüber zu machen.


Interessant fand ich persönlich, dass die Berichterstattung über den Glücksatlas 2020 fast ausschließlich über die Auswirkung von Corona spricht und am Rande vielleicht noch über regionale Unterschiede und Konsumverhalten. Das Schwerpunktthema über langfristige Zufriedenheit bleibt komplett unerwähnt. Für die meisten Menschen sind langfristige Themen eben auch langweilige Themen. Ich empfehle dir mehr Weitsicht. Mentale Kurzsichtigkeit rächt sich früher oder später.


Kostenloser Download: Langfristig mehr Glück


Wie stabil ist die Lebenszufriedenheit?


Die Begriffe Freude und Glück beschreiben eher flüchtige Zustände. Deshalb wird bei der Betrachtung der großen Lebensveränderungen meist eher von Zufriedenheit oder Wohlbefinden gesprochen.


Die Lebenszufriedenheit kann nach bestimmten Veränderungen fallen, steigen oder stagnieren. Erst wenn sich diese Entwicklungen über einige Jahre fortsetzen, sprechen Wissenschaftler von langfristiger Veränderung.


Alte Sichtweise: Set-Point Theorie

Dass langfristige Veränderungen überhaupt möglich sind, widerspricht klassischen Vorstellungen der Glücksforschung, in denen die Lebenszufriedenheit auf Dauer lediglich um einen bestimmten Sollwert (Set Point) schwankt.


Dieser Sollwert basiert unter anderem auf Persönlichkeitseigenschaften, von denen sich die wichtigsten auf lange Sicht kaum ändern.


So sind gesellige, aufgeschlossene und kooperative Menschen meist überdurchschnittlich glücklich, während eher neurotische, labile und verletzliche Menschen ein Glücksniveau (Set Point) unter dem Durchschnitt haben.


Beispiel


Nehmen zum Beispiel wir an, dass der eher neurotische und kritische Alfred auf einer Zufriedenheitsskala von 1 – 10 einen durchschnittlichen Wert von 4 hat und die aufgeschlossene, aktive und optimistische Andrea einen von 7. Beide kaufen sich ein neues schickes Auto und erleben dadurch eine Steigerung um 0,4. Dann ist Alfred also auf 4,4 und Andrea auf 7,4.


Man könnte nun sagen, dass Alfred eben noch ein paar mehr von diesen positiven Veränderungen braucht um in etwa so glücklich zu werden wie Andrea. Aber streng nach der Set-Point Theorie ist es so, dass beide nach einer gewissen Zeit wieder auf 4, bzw. 7 zurückfallen. Das Gleiche gilt nach unangenehmen Erfahrungen (z.B. wenn das Auto kaputt geht).


Wir gewöhnen uns an die Veränderung und die heutige Verbesserung/Verschlechterung ist schon Morgen das neue Normal – dein Glücksempfinden pendelt sich wieder ein.


Neue Sichtweise: Dein Set Point ist veränderbar


Es stimmt zwar: Wir haben eine individuelle, genetisch veranlagte Bandbreite der Lebenszufriedenheit, zu der wir nach Hochs und Tiefes meist zurückkehren.

Dieser „Set Point“ ist aber entgegen älterer Annahmen nicht so starr und unveränderlich wie gedacht.

Das ist auch das Ergebnis einer groß angelegten Studie mit mehreren Tausend Versuchsteilnehmern, deren Lebenszufriedenheit über mindestens 25 Jahre untersucht wurde.


„Wir konnten nachweisen, dass private oder berufliche Schlüsselentscheidungen die allgemeine Lebenszufriedenheit dauerhaft verändern können“, so einer der leitenden Wissenschaftler [3].


Soziales Engagement, ein gesunder Lebensstil und eine Form von Spiritualität oder Glaube haben einen ähnlich starken Einfluss auf die Lebenszufriedenheit, wie festgelegte Persönlichkeitsmerkmale (z.B. Offenheit und Extrovertiertheit).


Langfristig sind insbesondere Sinnhaftigkeit und Bedeutung im Leben ein deutlich größerer Faktor als flüchtige Glücksmomente:

„Personen mit uneigennützigen oder familienorientierten Zielen sind zufriedener als solche, die in erster Linie nach beruflichem und materiellem Erfolg streben.“

Der Einfluss großer Lebensereignisse


Laut Glücksatlas gehören von den Personen, die über mindestens 25 Jahre begleitet wurden, fast 22% zu den langfristigen Gewinnern und 21% zu den Verlierern. Das heißt, dass bei fast der Hälfte der Teilnehmer langfristig eine Verschiebung des Glückslevels zu verzeichnen war!


Neue Forschungen liefern Belege dafür, mit welchen Denksystemen, Strategien und „Boosts“ wir selbst die Verantwortung für eine langfristige Steigerung des Glückslevels übernehmen können – und genau darum geht’s bei Boost Your Baseline.


Der Glücksatlas richtet das Augenmerk mehr auf den Einfluss großer Lebensereignisse.

Heraus stechen einmal mehr die „4 G“, also die Themen Gesundheit, Geld und Gemeinschaft. Es gibt Erfahrungen, für die wir uns bewusst entscheiden (z.B. Ehe) und solche, die über uns hereinbrechen (z.B. Unfall).


Ausnahmen bestätigen die Regel, aber bestimmte wichtige Lebensereignisse haben die Tendenz, das Leben in die eine oder andere Richtung zu lenken. Hier zusammengefasst und unkommentiert die langfristigen Tendenzen einiger Faktoren:


Bleib aktiv und optimistisch! Viel Glück!