Das Dynamische Selbstbild: extrem hilfreich und erlernbar

Studien zeigen, dass man nicht auf ein Selbstbild festgelegt ist. Der Glaube an die Fähigkeit sich zu verändern und zu wachsen ist erlernbar.

Das dynamische Selbstbild

Es gibt eine alte Geschichte über zwei Zwillinge, deren Vater Alkoholiker war. Sie sind zu jungen Männern herangewachsen. Ein Sohn wurde selbst Alkoholiker. "Ich hatte keine Wahl“, sagte er. "Mein Vater war auch Alkoholiker. Ich bin aufgewachsen wie er und habe die gleichen Gene." Der andere Sohn berührte nie einen Tropfen Alkohol, wurde privat und beruflich erfolgreich. "Wie könnte ich?" sagte er. "Man muss doch nur sehen, was es aus meinem Vater gemacht hat."


Was ist das Selbstbild?


Das Selbstbild ist eine Konstruktion, die auf Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Erinnerungen basiert.


Wie der Name schon sagt, ist es das Bild, das wir von uns selbst haben. Dazu gehören:

  • Die Art, wie wir uns sehen und einschätzen,

  • Die Eigenschaften, die wir uns zuordnen,

  • Die Fähigkeiten, die wir uns bescheinigen.

Es ist das was du dir über dich erzählst, deine Geschichte. Du über dich. Neue Gedanken und Erfahrungen können es umformen und Dinge überschreiben.


Sich dieses Bild genauer anzuschauen und bewusst zu machen, ist ein zentraler Schritt in allen Verfahren der Psychotherapie. Zunächst gilt es zu erkennen, dass das Selbstbild, genau wie unsere Bewertungen der Außenwelt, sehr subjektiv und eine Momentaufnahme ist.


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Das heißt die Story, die wir uns erzählen, ist weder korrekt noch akkurat. Eher ein Selbstporträt als ein Selfie – mit vielen künstlerischen Freiheiten fernab fotografischer Genauigkeit.


Das Selbstbild einer Person hat enormen Einfluss auf Erfolge und Misserfolge, sowie auf den kompletten Lebensweg. Was langfristig häufig den Unterschied macht, ob man sich positiv weiterentwickelt und zufrieden mit sich und der Welt wird, ist die Frage, ob das eigene Selbstbild eher starr oder dynamisch ist.


Das starre Selbstbild


Carol Dweck ist Psychologin und Professorin an der Stanford Universität. Sie ist Autorin des Bestsellers Selbstbild (englisch „Mindset“), einem Grundlagenwerk über das starre und das dynamische Selbstbild. In eigenen Forschungsarbeiten konnte sie zeigen, dass nicht das Talent, sondern das eigene Selbstbild, bzw. Mindset für die Entwicklung entscheidend sind.

Menschen mit einem starren oder statischen Selbstbild glauben, dass Fähigkeiten und Charakterzüge auf Veranlagung beruhen und sich ab dem Erwachsenenalter nicht mehr nennenswert verändern können. Man ist entweder talentiert oder unfähig, intelligent oder doof, aufgeschlossen oder verbohrt. Mit Übung sind Unterschiede im Talent auf Basis dieser Überzeugung nicht mehr aufzuholen.

  • Du kannst entweder gut schreiben, oder nicht

  • Du bist entweder der geborene Redner, oder du bist nicht dafür geeignet, vor Menschen zu sprechen

  • Du bist entweder musikalisch, oder nicht

Solche Menschen suchen oft nach Bestätigung dafür, in die hochgeschätzten Kategorien zu gehören. Kritik stecken sie nur schlecht weg und Fehler akzeptieren sie nur sehr widerwillig, da dies ja Beweise für lebenslange Schwächen wären.


Schon eine einzige Niederlage kann 100 kleine Erfolge wertlos machen. Risiken und Anstrengungen werden dementsprechend gemieden.

Man versteht sich und sein Lebensglück als fertiges, abgepacktes Produkt, und nicht als dynamischen, langfristigen Prozess.

Das dynamische Selbstbild


Wie weit es jemand im Leben bringt, ist für Menschen mit einem dynamischen Selbstbild völlig offen. Erfolge und Misserfolge, Schulnoten und Erfolgsquoten, sind für sie lediglich Momentaufnahmen. Denn es gehört zu ihrer Grundüberzeugung, dass sich jeder durch langfristigen Einsatz und konsistente Übung zum Besseren wandeln kann.


Es ist für solche Personen nichts außergewöhnliches, in bestimmten Bereichen mit Übung immer besser und flexibler zu werden. Genauso gehört für sie auch das Scheitern als essenzieller Teil zum Lernprozess hinzu.


Um dabei nicht steckenzubleiben ist es wichtig, sich und anderen immer wieder zu vergeben und eine konstruktive Perspektive auf Vergangenes zu haben.


Michael Jordan, der beste Basketballspieler aller Zeiten, sagte es so:

„Ich habe in meiner Karriere mehr als 9000 Mal daneben geworfen. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26 Mal wurde mir der spielentscheidende Wurf anvertraut und ich habe nicht getroffen. Ich habe in meinem Leben immer und immer wieder versagt. Und genau deshalb habe ich gewonnen.“

Surfbrett oder Strandbett?


Menschen mit statischem Selbstbild suchen Bestätigung, Menschen mit dynamischem suchen Wachstum. Der stetige Prozess wird zum Ziel, das Auf und Ab der Wellen wird als Teil eines größeren Ganzen vollständig akzeptiert.


In ihrem Buch Soul Surfer schreibt Bethany Hamilton: „Das Leben ist viel wie Surfen. Wenn du in der Aufprallzone gefangen bist, musst du einfach wieder aufstehen. Weil du nie weißt, was hinter der nächsten Welle sein könnte.“


Hamilton ist eine amerikanische Profi-Surferin mit unzähligen Siegen und Podestplätzen. Doch all diese Erfolge erzielte sie erst, nachdem sie ihren linken Arm und über 60% ihres Blutes bei einem Tigerhai-Angriff verloren hatte. Trotz des Traumas des Vorfalls kehrte Bethany nur einen Monat nach dem Angriff zum Surfen zurück und nahm nur drei Monate später wieder an großen Wettbewerben teil.


Entscheidend ist, was man glaubt


Glückliche und erfolgreiche Menschen werden durch die Brille eines dynamischen Mindsets nicht so sehr als Konkurrenz, sondern mehr als positive Beispiele gesehen, von denen man sich Tricks abschauen kann.

Eigene Fehler erkennt man als Umwege und Umwege verbessern die Ortskenntnis.

Wer ein dynamisches Selbstbild übernehmen will, kann sich nach und nach selbst beibringen, auf diese Art zu denken. Tatsächlich ist der Geist wie ein Muskel: Er kann nicht nur trainiert, sondern auch gedehnt werden.


Menschen mit einer Wachstumsorientierung sind eher davon überzeugt, dass sich Anstrengungen lohnen. Sie fragen sich seltener „Kann ich das überhaupt?“, und öfter „Was muss ich tun, um das zu können?“


Es geht also weniger um die endlose Frage, wie hoch nun der Anteil der genetischen Veranlagung ist, sondern darum, was man selbst glaubt. Denn diese Überzeugung wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Das Selbstbild ist nicht in Stein gemeißelt – aber unser freier Wille ist stark genug, dass wir unser Selbstbildnis über die Jahre und Jahrzehnte selbst in Stein meißeln können.


JK Rowling: Dein Lebenslauf ist nicht dein Leben


Heute kennen wir alle JK Rowling als unglaublich erfolgreiche Autorin der Harry-Potter-Bücher, aber ihr Weg dorthin war mehr als steinig: Sie wurde von der Universität Oxford abgelehnt, ihre Mutter starb an MS, ihre Ehe in Portugal scheiterte und sie kehrte mittellos nach Großbritannien zurück. Das war die Zeit in der sie sich als "den größten Fehler, den sie kannte" beschrieb.


Aber auch hier ließ sie ihr dynamisches Mindset nicht im Stich. Rowling verstand: "Es ist unmöglich zu leben, ohne jemals zu scheitern, außer man lebt so vorsichtig, dass man genauso gut gar nicht hätte leben können – und dann scheitert man automatisch."


Hätte sie ihr Selbstbild von äußeren Erfolgen abhängig gemacht und als Schicksal akzeptiert, hätte sie kaum das nötige Durchhaltevermögen an den Tag legen können. Doch sie hatte eine andere Sicht auf die Dinge: "Glücklich zu sein bedeutet, zu verstehen, dass das Leben nicht eine Checkliste an Anschaffungen und Erfolgen ist. Deine Qualifikationen, dein Lebenslauf sind nicht dein Leben.“


Veränderung über das Handeln


Was würdest du tun, wenn Du mutiger wärst? Woran würdest du merken, dass Du mehr Mut hast? Solche oder ähnliche Fragen stellen Psychologen, um ein fixes Selbstbild infrage zu stellen.

Der Ansatz ist, über das Handeln an die Grundüberzeugungen zu kommen. Es geht darum, sich Situationen zu überlegen, in denen man sich z.B. trauern würde vor einer Gruppe zu sprechen, mit jemandem ein schwieriges Thema zu klären, oder etwas Neues anzufangen. Durch neue Erfahrungen lernt man, sich „wie ein mutiger Mensch“ zu verhalten – auch wenn man sich selbst nicht dafür gehalten hat.


Die Kette von Denken >> Fühlen >> Handeln wird kurzerhand auf den Kopf gestellt – mit oftmals schnellen und beeindruckenden Ergebnissen. Man bohrt Löcher in die Maske des starren Selbstbildes, es kommt Licht durch. Wer sagt, dass ich ängstlich bin?


Hilfreich ist es in der Praxis, ein paar konkrete, umsetzbare Pläne zu schmieden – zusammen mit anderen oder auch allein.


Laufen lernt man nur durch Hinfallen, schreibt Brené Brown. Sie geht einen Schritt weiter und fragt: Was würdest Du alles ausprobieren, wenn Du wüsstest, dass es kein Scheitern gibt?